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Nachbericht: Forum Taggenbrunn: „Die Ich-AG. Narzissmus als Führungsprinzip?“

Nachbericht: Forum Taggenbrunn: „Die Ich-AG. Narzissmus als Führungsprinzip?“

Veranstaltungsdatum und -zeit:
18 September 2025
18:00 Uhr

Das Forum Taggenbrunn am 18. September 2025 war erneut ein Höhepunkt im Veranstaltungskalender des WdF Kärnten und bot den Teilnehmenden ein inspirierendes Zusammenspiel aus fachlichem Tiefgang, historischer Kulisse und persönlichem Austausch.

Im stimmungsvollen Ambiente des Weinguts Taggenbrunn begrüßte das WdF Kärnten seine Mitglieder zu einem Vortrag von Isolde Charim – Philosophin, Publizistin und eine der prägnantesten Stimmen unserer Zeit in Fragen gesellschaftlicher Selbstverständnisse. Als Philosophin und Publizistin analysiert sie mit großer Klarheit und Tiefe, wie sich unsere Gesellschaft verändert – insbesondere durch Pluralisierung, Individualisierung und die Spannungen zwischen Freiheit und Zugehörigkeit.

In ihrem Beitrag sprach Charim über Narzissmus als gesellschaftlichen Funktionsmodus und eröffnete damit einen vielschichtigen Denkraum, der die Teilnehmenden zur kritischen Reflexion über individuelle Selbstbilder und kollektive Dynamiken anregte. Ausgehend von Freuds Konzept des Narzissmus – verstanden nicht als Defekt, sondern als Strukturprinzip – erläuterte Charim die zwei Etappen: den primären Narzissmus als ursprüngliche Selbstbezogenheit des Kindes und den sekundären Narzissmus, bei dem das Ich-Ideal aus dem sozialen Umfeld entsteht. Dieses Ideal ersetzt den verlorenen Ur-Narzissmus und verschmilzt mit gesellschaftlichen Erwartungen. Narzissmus ist damit keine Selbstliebe mehr, sondern eine dramatische Liebe zum eigenen Idealbild.

Charim zeigte die Ambivalenz dieses Ideals auf: Die Unzufriedenheit, es nicht zu erreichen, steht der inneren Unruhe gegenüber, wenn es erreicht wird. Die Gesellschaft selbst bürgt diesen Narzissmus, indem sie ihn strukturell verankert – als ökonomische und zugleich nicht-ökonomische Ordnung. Der heutige Antriebsmodus ist Selbstantrieb, gespeist durch subjektive Bewertungen wie 360-Grad-Feedbacks und Rankings. Diese führen zu einer narzisstischen Skala, auf der Beliebtheit und Einzigartigkeit bewertet werden. Die Gleichung „Platz 1 = Einzigartigkeit“ verspricht Unvergleichbarkeit – ein Mythos, der die Qual der Konkurrenz lindern soll, aber nie dauerhaft trägt.

Charim sprach auch von der doppelten Unmöglichkeit narzisstischer Befriedigung: Erstens durch Ersatzbefriedigungen wie Erfolg, Anerkennung und Sichtbarkeit, die stets vom Scheitern bedroht sind. Zweitens durch die Möglichkeit, das Ideal auszulagern – etwa in der Verliebtheit, bei der die geliebte Person das eigene Ideal ersetzt. Diese Umwege der Selbstliebe zeigen, wie tief die gesellschaftliche Struktur des Narzissmus reicht. Die Verbindung von objektivem und subjektivem Narzissmus führt letztlich zum notwendigen Scheitern, das Charim mit dem Begriff des Helotropismus – der Bewegung zur Sonne – poetisch umschrieb: als Annäherung an eine Einheit mit der Welt, die nie ganz erreicht wird.

Der Vortrag bot den Teilnehmenden nicht nur eine philosophische Perspektive auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, sondern auch wertvolle Impulse für die Reflexion über Führung, Selbstbild und soziale Dynamiken in Organisationen. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie sehr Charims Gedanken den Nerv der Zeit treffen und zur kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Rollenbildern anregen. Das Forum Taggenbrunn bestätigte sich einmal mehr als Ort für tiefgründigen Austausch und intellektuelle Inspiration.

 

Programm

  • 18:00 Uhr: Get-together vor dem Speicher
  • 18:30 Uhr: Vortrag im 1. OG des Speichers
  • 19:30 Uhr: Geselliger Ausklang mit Fingerfood im EG des Speichers
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